Aus den Augen, aus dem Sinn? Beziehungen, Tinder und die Wegwerfgesellschaft

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Bei elektrogeräten wird mittlerweile von einer Lebensdauer bis kurz nach Ablauf der Gewährleistung ausgegangen. Also etwa 2 Jahre. Egal ob Fernseher, Computer, Tablets oder Handys. Küchengeräte leben vielleicht ein wenig länger, doch auch hier wird neu beschafft, statt repariert. Weil es bequemer ist.
Doch nicht nur die Lebenszeit von Produkten wird kürzer. Sondern auch die Lebenszeit zwischenmenschlicher Beziehungen.

Eigentlich waren die elektronischen Helfer mal dazu gedacht den Alltag zu vereinfachen. Dem Benutzer mehr Zeit für Wichtiges zu verschaffen. Doch in der immer schneller drehenden (Arbeits-)Welt passiert genau das Gegenteil. Bestes Beispiel hier: Das Smartphone.
Es ist mittlerweile fast ein Alleskönner. Verkürzt drastisch den Weg zwischen Telefon, Kalender, Sozialem Netzwerk und dem zu schreibenden Brief. Alles mittlerweile über ein kleines fünf Zoll großes Gerät in wenigen Augenblicken machbar. Durch die übrig eingesparte Zeit haben wir nun die Möglichkeit „nur nochmal eben kurz“ nach etwas anderem zu schauen. Egal ob Twitter, Facebook, Instagram, Snapchat, Emails, WhatsApp, Anrufen, SMS oder dem nächsten Termin. Effektiv vernichtet ein Smartphone oft mehr Zeit, als es tatsächlich einspart. Gerade dann, wenn es zum Kommunikationsmittelpunkt des eigenen Lebens wird.

Da wir aber weiterhin nur einen Tag mit 24 Stunden haben, müssen wir die knappe Ressource Zeit bzw. Aufmerksamkeit erneut teilen. Neben dem zunehmend hin und her gerissen sein zwischen einem vollen Arbeitstag, einer hoffentlich erfüllenden Freizeit und permanent eintreffenden Benachrichtigungen müssen wir nicht nur die Konzentration, sondern auch den Überblick behalten.

Telefonat hier. Mal eben da noch schnell etwas erledigen. Noch zügig Twitter, Facebook und Instagram checken und das Einkaufen nicht vergessen. Ach ja und zwischendurch auch noch Luft holen.

Freunde sind über Netzwerke und Handys leichter zu erreichen, als jemals zuvor. Tatsächlich aber spricht man miteinander nun auch weniger als jemals zuvor. Denn die Zeit, die man zur Verfügung hat, wird auf mehrere Freunde aufteilen.
Als man noch miteinander telefoniert hat, widmete man sich in dem Augenblick nur einer einzigen Person. Diejenige die man hören konnte. Anders in der aktuellen Zeit. Hier eine WhatsApp beantwortet, dort eine DM geschrieben, hier noch kurz bei Facebook geschaut was nun Tom macht, während man noch mit Anna telefoniert. Dadurch verlieren Beziehungen an Tiefgang. Denn der Gegenüber merkt natürlich, wenn man mit den Gedanken, noch nebenbei, woanders ist. Nicht ohne Grund gibt es immer mal wieder die Nachfrage, ob man denn überhaupt noch zuhört. Oder ob man mitbekommen hat, was als Letztes gesagt wurde. „Hörst du mir überhaupt zu?
Dadurch werden Gespräche oberflächlicher.

Warum sollte man auch ein Thema ansprechen? Gerade dann, wenn es vielleicht ein längeres Gespräch nach sich zieht. Wenn mein Gegenüber jetzt schon nicht anständig zuhört. Mit seinen Gedanken überall ist, ausser bei dem was ich erzähle.
Wenn sich jemand nicht Ernstgenommen fühlt, wendet er sich irgendwann ab. Die Suche beginnt erst ganz unbewusst. Doch wenn dann eine andere Person in den Fokus rückt kann es ganz schnell gehen. Klingt hart: Mit der Zeit wird man entsorgt, wie ein altes, zu langsam gewordenes Handy. Ersetzt durch das neue, aktuellere Modell.
Mit mehr Aufmerksamkeitsspeicher und ansprechenderer Benutzeroberfläche.

Wo wir doch nun gerade eh schon bei Oberfläche sind: Kommen wir doch mal zu Tinder.
Ich persönlich nutze kein Tinder. Ich weiß nichtmal wie die App tatsächlich aussicht, doch ich weiß das man Personen in bestimmte Richtungen swipen kann um damit zu bewerten. Tinder ist, laut Tinder, dazu gedacht ist um „neue und interessante Personen in deiner Nähe zu treffen“. Für mich ist Tinder an Oberflächlichkeit derzeit nicht zu überbieten. Ok, ich mag generell kein Dating, dem Thema und dessen Gründen werde ich allerdings noch einen eigenen Artikel widmen.
Aufgrund von einem Profilbild und dem Wissen, dass diese Person sich in der Nähe aufhält, wird entschieden ob man diese Person mag.

Alle sind auf der Suche nach dem oder der Einen. Dem Einen für eine Nacht, vielleicht auch nach der Einen für den Rest des Lebens. Entschieden wird dies Aufgrund eines kurzen Eindrucks und der Wirkung eines Bildes. Getrieben von Neugier und der Sehnsucht mit dem nächsten Swipe den perfekten Partner fürs nächste Vorhaben zu finden wird weiter gesucht. Mit nur einer Fingerbewegung kann man dem Glück spürbar näher kommen. Das gleiche Versprechen bieten einem auch die unzähligen Singlebörsen an.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die erhöhte Verfügbarkeit von potenziellen Partnern eine Beziehung schwächen kann. „Wenn es mit diesem Partner nicht mehr funktioniert, suche ich mir einfach einen Neuen. Mittlerweile ist das ja über das Internet zunehmend leichter.So mutiert auch ein Partner zum Wegwerfprodukt.

In einer sich immer schneller drehenden Welt ist die letzte Konstante: Man selbst.
Durch die zunehmend stattfindende soziale Isolierung durch Wohnortwechsel, Arbeitgeberwechsel und Veränderungen bleibt als einziges man selbst übrig. Manchmal vielleicht noch ein Partner. Doch das eigenen Denken kreist zunehmend um sich selbst. Denn alles andere kann sich in kurzer Zeit verändern. Man bewundert die Großeltern wie sie es bis zur Silberhochzeit geschafft haben, man selbst hat aber vielleicht Beziehungen vorzuweisen die wenige Monate oder zumindest nur ein paar Jahre gehalten haben.

Vielleicht nun mal ein argumentativer Schlag ins Gesicht: Wie willst du goldene Hochzeit feiern, wenn du davon ausgehst deinen letzten Partner erst mit Ende 30 zu finden?

Vielleicht liegt es daran, wenn man die einzige Konsante ist, dass man nicht mehr bereit ist in den Partner oder eine Freundschaft Zeit zu investieren. Das man sich als Einzelindividuum zu Ernst nimmt. Als einzige Person, bei der es von Bedeutung ist glücklich zu sein.
Das halte ich für einen Trugschluss. Ein Freund oder Partner ist nicht dafür da, um dich zufrieden zu machen. Allerdings kannst du durch Sie/Ihn auf dem Weg dorthin unterstützt werden. Vielleicht braucht der Kontakt nur wieder eine intensivere Zuwendung zueinander, um dich dort hin zu bringen wohin du möchtest.
Vielleicht hast du schon alles was du brauchst. Frage ist nur: Ist anderes verlockender? Bringt es dich schneller deinem Ziel näher?
Vielleicht brauchst du nur mehr Geduld?

Schlussbemerkung:
Ich bin mir im Klaren darüber, dass man das Thema sehr kontrovers diskutieren kann. Um so mehr freue ich mich mit euch in die Diskussion einsteigen zu können. Gerne in der Kommentarspalte.

Gehabt euch wohl.

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3 Comments

  1. Ich kann diesem Artikel nur zustimmen. Ich bin das letzte, 13. Jahr Schüler an einer Tabletschule. Seit drei Jahren. Und in dieser Zeit habe ich das Phänomen, weniger Zeit zu haben, obwohl die Tablets alles besser und einfacher machen sollen, fast täglich miterlebt. Unzählige Male hat es schon geheißen „Macht mal das noch schnell zu Hause, am Tablet ist das ja kein Problem“ Und schwups, wieder eine Stunde in irgendwas investiert, dass man so gar nicht will, und dass eigentlich gar nicht so lange dauern soll. „Schreib mir das einfach schnell per Mail“ Nur wird aus dem schnell nichts, weil bis die Mail so geschrieben ist, dass der Server sie klaglos zustellt, auch gerne mal 10 Minuten vergehen. Wo das doch alles „schnell“ und „einfach“ sein soll.

    Und an sozialen Medien können Beziehungen sehr einfach kaputt gehen. Mit meiner ex-Freundin hatte anfangs mehr Kontakt via TeamSpeak (für die nicht-Gamer: Sowas wie Telefonieren, nur am PC) und weniger via WhatsApp und co. Mit der Zeit hat man zunehmend mehr via WhatsApp geklärt – und immer öfter ist ein „das hab ich dir doch gesagt“ gefallen. Dank WhatsApp nimmt man sich für Kommunikation einfach nicht mehr die nötige Zeit und die Aufmerksamkeit, die notwendig wäre. Neulich ist mir ein alter Freund übern weg gelaufen. Als ich mich mit ihm unterhalten wollte, ist nur ein „schreib mir halt per WhatsApp, ich reagiere dann schon“ zurück gekommen. Nicht mal ein „ruf einfach an“. Wer reagiert denn auch noch, wenn man anruft? Und wer ist alles angepisst, weil er plötzlich seine Zeit auf eine Person fokussieren MUSS?
    Wir sollten alle wieder anfangen, mal bewusst das Handy wieder wegzulegen und mit unseren Freunden zu reden. Nicht alles am Computer machen, sondern auch mal den eigenen Kopf bemühen. Der kann das Meiste immer noch besser und schneller als jedes Programm. Und der Kopf stürtzt nicht ab, oder synchronisiert irgendwas weg. Alternativ kann man noch einen guten, alten Block und einen Stift verwenden. Da buggt auch nix rum!

  2. Pingback: Warum ich nicht date, sondern mich nur treffe. // verWandelbar

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