Der Pakt der wahren Gefangenen

Leise knirscht der nasse Kies unter deinen Schritten.
Du drehst dich um und siehst durch den Schlosspark auf die weit geöffneten Flügeltüren des Ballsaals. Musik dringt zu dir herüber und die Lichter erleuchten noch meterweit den Park außerhalb des Saals.

Leichter Nieselregen benetzt dein Gesicht und du tupfst dir vorsichtig mit einem Seidentuch über die Wangen, damit die Schminke nicht zu sehr verläuft. Einen Schritt vor den anderen. Wie von selbst entfernen dich die Schritte weiter von den Flügeltüren. Es war mal wieder einer dieser Empfänge bei denen man sich zu Präsentieren hatte. Jeden begrüßen, immer ein Lächeln auf den Lippen und immer süß zurückhaltend.
Wie grausam das Ganze war.
Ein Schaulaufen sondergleichen. Es gab Unmengen zu Essen, Trinken bis auch der Letzte berauscht war und oberflächliche Gespräche bis auch dem Letzten der Kopf brummte.

Je weiter du dich entfernst, um so leichter fällt dir das Atmen. Den Saum deines Kleides hälst du mit der rechten Hand, damit dieser nicht unnötig schmutzig wird. Dann plötzlich, ein Licht am anderen Ende des Parks. Eine kleine Lampe, die getragen wird. Ein wenig neugierig beschleunigst du deine Schritte und näherst dich. In der Dunkelheit der Nacht erkennst du später die leichten Umrisse einer kleinen Hütte hinter der die Lampe verschwindet. Eine ziemlich alte Hütte, nur aus ein paar zurecht gesägten Brettern. Wirklich erkennen kannst du das bei der Dunkelheit nicht, doch hattest du diese schon ein paar mal bei Tageslicht gesehen. Wohnte hier nicht der alte Gärtner?
Als du deinen Fuß erneut auf dem Boden aufsetzt ertönt ein lautes Knacken und du zuckst zusammen. Du hälst die Luft an und verharrst.

Mit einem lauten Quietschen öffnet sich die Holztür der Kate und der Gärtner mit seiner Öllampe steht in der Tür.
„Wer ist da draußen?“ erklingt seine etwas mürrische, dunkle und raue Stimme in der Nacht. Dabei schwenkt er die Lampe von der einen Seite zur anderen. Du gehst einen weiteren Schritt auf ihn zu und trittst damit ein weinig in den Lichtkreis der Lampe.
Der Nieselregen hat mittlerweile deine Kleidung weitestgehend durchnässt und du stehst frierend vor dem Gärtner.

„Was willst du hier?“ fragt er mit kräftiger Stimme. Scheinbar erkennt er dich nicht sofort in der Dunkelheit.
„Ich wollte nur mal schauen was das für ein Licht war, dass ich vorhin hier in der Ecke gesehen hatte“ antwortest du mit zitternder Stimme.
Er zögert kurz und schaut dich an „Nur mal kurz nachsehen? Was soll schon hier sein. Nur ein alter mürrischer Mann.“ Nach einem weiteren Augenblick des Schweigens redet er weiter „….aber wenn du nun gerade schon mal hier bist, komm wenigstens ein paar Minuten rein, Hier draußen holst du dir bei dem Wetter noch den Tod. Und mich macht man hinterher noch dafür verantwortlich. Na los, komm rein.“ Seine Hand macht eine einladende Bewegung und er dreht sich um und betritt erneut seine kleine Hütte.

Als du sie betrittst siehst du einen spärlich eingerichteten Innenraum. Auf der rechten Seite steht an der Wand ein  massiver Holztisch mit zwei Stühlen. Gegenüber befindet sich ein kleiner Kamin der gerade mit einem Feuer beheizt wird und eine wohlige Wärme ausstrahlt. Über dem Feuer befindet sich ein Kessel in dem etwas vor sich hin köchelt. Ansonsten befindet sich in dem Raum nur noch ein Bett und ein Regal auf dem ein paar Lebensmittel liegen.

„Ach ihr seid es Prinzessin“, stellt der Gärtner erschaunt fest. „Ich habe euch in der Dunkelheit gar nicht erkannt. Lauft ihr vor eurem zukünftigen Bräutigam davon oder wart ihr wirklich nur neugierig was sich in diesem Teil des Parks verbirgt?“
Du setzt dich vor den wärmenden Kamin und noch während du antwortest bekommst du bereits eine Decke um die Schultern gelegt. Leicht lächelnd erwiderst du „Nein, heute war mal wieder nur ein Treffen der Adligen. Ein Bräutigam wird noch nicht ausgewählt, wobei die Chance das er heute hier ist leider recht hoch ist.“

Ein unerwartet warmes Lächeln strahlt dir entgegen als er sich zu dir auf den Boden setzt „Weißt du, ihr Hochwohlgeborenen habt jeglichen Luxus den ihr euch wünschen könnt, aber in einem Punkt seid ihr wirklich arm dran. Ihr seid die wirklichen Gefangenen der Paläste.

Ein wenig irritiert blickst du ihn an bevor er weiter spricht. „Ihr seid gefangen im Protokoll des Hofes. Müsst immer repräsentieren. Müsst immer für das Land da sein. An welcher Stelle des Amtes kommt die Frage was euch wichtig ist? Wo die Frage was oder wen ihr liebt?
Wisst ihr, ich kann morgen zu eurem Vater gehen und ihn um meine Entlassung bitten. Kann weg gehen und eine Frau heiraten die ich Liebe. Euch hingegen wird sogar der Ehemann bestimmt.“

Ein wenig erschöpft nickst du nur. Bisher waren alle anderen immer nur neidisch gewesen auf dich, die Tochter des Sultans. Hatten erzählt wie glücklich sie doch deswegen sein müsste. Aber glücklich warst du die letzten Jahre bei Weitem nicht. Konntest dich kaum bewegen ohne Begleiter im Hintergrund, ohne nicht jedes mal Gefahr zu laufen, gegen irgendeine Regel zu verstoßen. Eigentlich bist du die Person die am meisten gefesselt ist.
Plötzlich überflutet dich die Wärme des Raumes und dir fallen langsam die Augen zu. Du spürst noch wie dein Oberkörper langsam auf deine angezogenen Knie sinkt. Kurz danach bist du eingeschlafen.

Als du deine Augen plötzlich wieder öffnest siehst du den Park erneut. Überall sprießen dornige Rosen in die Höhe, der Himmel ist dunkel verfinstert obwohl es lichter Tag ist. Menschen mit leeren Augen laufen umher und grüßen, doch wirken sie wie tot. Du gelangst zu deinem Lieblingsplatz am kleinen See doch auch hier völlige Trostlosigkeit. Die Seerosen, die du immer so schön fandest, sind völlig verwelkt.
Ein Marienkäfer setzt sich auf deine Hand und du betrachtest ihr kurz neugierig. Er ist neben dir das einzige was ein wenig Farbe hat. Das kräftige Rot hebt sich deutlich von der ansonsten grauen Umgebung ab. Doch er verweilt bei dir nur kurz und fliegt dann davon. Dein Blick folgt ihm noch eine Weile und so schweift er bis zum Rande des Parks wo ein kleines Lichtlein leuchtet. Wieder packt dich die Neugier und du gehst darauf zu. Erneut vorbei an den lebenden Toten, an den grauen Baumen und den verwelkten Pflanzen. An den Rändern des Parks erscheinen hohe Gitter.
Du bist dir nicht sicher, ob sie die anderen draußen oder euch drinnen halten sollen, doch dein Weg führt dich immer weiter auf das Licht zu.

Es ist die Öllampe die du schon einmal gesehen hast, welche in einer Hecke hängt. Daneben sitzt der Gärtner und lächelt dich mit einem Augenzwinkern an. Unter der Lampe ist ein in der Hecke versteckter Durchgang den man im Moment nur erahnen kann.
„Wenn ich dir helfe zu gehen, werde ich nie wieder in diesen Park zurückkehren können“ beginnt der Gärtner zu sprechen „doch sehe ich wie unglücklich du hier bist. Triff deine Entscheidung und ich werde dich unterstützen.“ Einen kurzen Augenblick nach diesen Worten wird dir schwarz vor Augen.

Als du sie wieder öffnest erwachst du mit einer Decke um die Schultern vor einem prasselnden Kamin.
Im Feuerschein mustern dich blaue Augen und blicken freundlich. Du allerdings blickst entschlossen, denn du hast deine Entscheidung gefällt.
„Lasst uns gehen, ich will das Leben kennen lernen.“

Ein Nicken besiegelt euren Pakt und ihr beide erhebt euch….

Posted in Kurzgeschichten.

Schreibt hier immer mal wieder seine Gedanken nieder.

Da er überflüssige Worte für eben genau das hält, erscheint hier nur ein Beitrag wenn er der Meinung ist, dass diese Worte auch gesagt werden sollen.

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