Die erste Nacht in Freiheit

Du spürst einen kalten Windhauch auf deinem Gesicht und denkst dir, dass bestimmt wieder mal eine Dienerin eines der großen Fenster in deinem Zimmer offen gelassen hat. Sie wird es sicherlich jeden Moment schließen. Doch niemand kommt. Immer noch fröstelst du ein wenig. Als du dich umdrehst spürst du einen harten Untergrund, der sich so gar nicht nach einem Bett anfühlt. Ein lautes Knarren begleitet deine Bewegung. Erschrocken öffnest du deine Augen.

Du liegst in einem Bett. Allerdings nicht deinem Bett im Schloss. Keine unzähligen weichen Kissen um dich herum. Keine seidenen Vorhänge vor den Fenstern. Deine Realität in diesem Moment ist ein Fenster in dem schief ein paar Fensterläden hängen. Langsam bewegen sie sich im Luftzug. Um dich herum kein einziges Kissen. Du liegst auf einem Holzbrett. Dein Rücken meldet sich. Schmerzlich ermisst du deine weiche Matratze von zu Hause. Als du deine Arme um den Oberkörper legst rutscht dein Mantel ein wenig vom Bett. Sofort beginnst du zu zittern.

Du brauchst einen Augenblick um dich an die letzte Nacht zu erinnern. Immer klarer wird dir der Weg der dich an diese Stelle gebracht hat.

Vielleicht war das Leben im Schloss doch gar nicht so schlecht. Dieser Gedanke schießt dir nach wenigen Augenblicken durch den Kopf. Und der nächste Gedanke folgt sogleich:

„Ich hab Hunger, woher bekomme ich etwas zu essen?“

Dir ist bewusst, dass du nun nicht einfach mit einer kleinen Glocke klingeln kannst, um dir etwas Essen reichen zu lassen. Erstmal hinsetzten. Deine Knie ziehst du an deinen Oberkörper und legst die Arme darum. Den Mantel hast du bereits wieder zu dir gezogen und er spendet dir wieder ein klein wenig Wärme. Der Magen gibt leise Geräusche von sich.

Wollte der Gärtner nicht noch etwas besorgen?

Leise quietscht die Tür in ihren Angeln als diese bewegt wird. Es huscht schnell eine männliche Person hinein und lehnt sich dann von innen an diese einzige Eingangstür. Er sieht übernächtigt und erschöpft aus.
In der Dunkelheit der letzten Nacht wirkte er noch einige Jahre jünger als in diesem Moment. Sein dunkelgrauer Umhang sieht ebenso zerlumpt aus wie deiner und ist ebenso verbraucht.

Mit erwartungsvollen Augen siehst du ihn an.

Müde Augen erblicken dich. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht als er deine großen weichen Augen erblickt.

„Ich hoffe ihr habt wohl geruht Prinzessin“ Er deutet eine leichte Verbeugung an und kommt die wenigen Schritte zu dir herüber. „Verzeiht, dass ich euch euer Frühstück noch nicht servieren kann, doch die Händler haben ihre Stände noch nicht aufgebaut. Allerdings habe ich euch euer Gewand für heute schon einmal zusammengestellt.“ Verdutzt schaust du ihn an, denn du trägst noch dein Kleid vom letzten Abend.

Als er die Sachen unter seinem Umhang hervor zieht und neben dir ausbreitet, glaubst du deinen Augen nicht zu trauen. Grober Leinen liegt vor dir. Ein Hemd das dir mindestens eine Nummer zu groß ist, die Hose ebenso. An Ellenbogen und Knien klaffen deutliche Löcher und sauber sind die Sachen schon lange nicht mehr gewesen.

„Das soll ich anziehen?“ Ungläubig schaust du ihn an.

Er versucht seinen Unmut zu unterdrücken, was ihm auch überwiegend gelingt.
„Was glaubt ihr was die Menschen außerhalb eures Palastes tragen? Seide? Wenige können sich Baumwolle leisten. Und auch nur dann, wenn sie selbst gut verdienen. Ihr allerdings seid ein Mädchen ohne irgendwelche Vorkenntnisse, geschweige den einer Arbeit. Woher wollt ihr also gute Kleidung bekommen? Ihr wisst ja nicht mal woher ihr etwas zu essen nehmen sollt.“

Ernüchtert schaust du ihn an. „Aber ich hab doch dieses Kleid noch, warum kann ich es nicht einfach an lassen?“

Der Gärtner lächelt sie sanft an „Was glaubst du wie lange du unbemerkt bleiben würdest in dem Aufzug?“ Nach deinem ratlosen Blick spricht er weiter „Im besten Fall wirst du wegen Diebstahls verhaftet und verlierst vielleicht eine Hand. Im weniger Guten wirst du vielleicht mitgenommen und darfst einem reichen Herren als Zimmermädchen dienen. Und die werden nicht alle höflich und zuvorkommen zu dir sein.“

„Aber es ist doch mein Kleid!“ erwiderst du trotzig.

Er schaut dich ernst an „Na klar, gestohlen aus dem Palast des Sultans. Das ist noch schlechter für dich. Erwarte nicht, dass sie sich die Mühe machen das zu prüfen. Hier herrscht das Gesetz der Straße und weder die Straße noch der Sultan sind daran interessiert all zu viel von einander zu hören. Denn das bedeutet für alle immer mehr Arbeit. Und nun diskutiere nicht herum, zieh das an.“ Ein wenig mürrisch schaut er dich an, bevor er sich umdreht.

Missmutig kommst du seiner Aufforderung nach.

Als du mit deinen neuen Kleidern im Raum stehst ist dir noch ein wenig kühl.
Überraschenderweise wärmen diese kaputten Sachen allerdings immer noch besser als dein Kleid, welches mittlerweile achtlos aufs Bett geworfen wurde. „So, bist du zufrieden alter Mann?“ entgegnest du ihm trotzig als du dir noch deinen Umhang wieder um die Schultern ziehst.

Grimmig schaut er dich an, schweigt aber einen kurzen Augenblick.

„Du wirst noch einiges lernen hier draußen. Lernen müssen, wenn du deine wahre Freiheit finden willst. Vor allem dich angemessen vor anderen zu verhalten. Alte Menschen genießen hier Respekt. Sie haben vieles von dem was wir noch vor uns haben schon erlebt und können sind stille aber weise Ratgeber sein.“

Du nickst und schaust gleich im nächsten Augenblick gedankenversunken durch die schief hängenden Fensterläden auf die sonnendurchflutete Straße vor dem Zimmer. Seufzend wird deine Reaktion hingenommen und als nächstes geht er geht zur Tür und öffnet sie für dich. Er hält sie dir ein Stück auf „Na los, hinaus mit dir. Lebe und lass dich bis Sonnenuntergang nicht umbringen. Danach treffen wir uns wieder hier und du erzählst mir von deinen Erlebnissen. Und nun: Raus.“

Zögernd setzt du einen Schritt vor den anderen. Fühlst dich als, würdest du eine neue Welt betreten müssen. Als du an der Tür neben ihm stehst schaust du ihn noch einmal verschüchtert an, doch dann gehst du die letzten Schritte und die Sonne wärmt deinen ausgekühlten Körper. Du erblickst im Sonnenschein einer für dich völlig neuen Welt.

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