Wie weit darf Selbstinszenierung gehen? – Über Krebs und Krankheitsgewinn

Dieser Beitrag beschäftigt mich schon ein paar Tage, bevor ich die Zeit hatte mich in Ruhe dafür hinzusetzen. Ausgelöst wurde es eigentlich durch mehrere Aussagen die ich in der letzten Zeit gehört habe. Diese reiften weiter und brachten mich schließlich zu der Frage im Titel: Wie weit darf Selbstinszenierung gehen?

Oder auch:

Erwartungsgemäß, gab es um so einen Tweet natürlich keine 10 Minuten später direkt die ersten Diskussionen. Tatsächlich meinte ich den genau so, wie es dort geschrieben steht.  Dabei war es keine Absicht die Personen zu kritisieren, die unter diesen Krankheiten zu leiden haben oder Angehörige dieser tatsächlich Betroffenen sind. Tatsächlich Betroffene?
Ja, tatsächliche Betroffene.

In den letzten Wochen ist es mittlerweile das zweite Mal innerhalb von 12 Monaten passiert, dass ich mitbekommen habe wie eine Person an Krebs „erkrankt“ ist. Diese Diagnose hat sich im Nachhinein wie von selbst, spurlos verflüchtigt. Für mich ist eine Krebserkrankung, ebenso wie eine depressive Erkrankung, eine schwerwiegende Diagnose die auch in der Gesellschaft ein entsprechendes Echo hervorruft. Um es mal umgangssprachlich zu formulieren: „Die Person hat dann echt die Arschkarte.“

Daher habe ich keinerlei Verständnis dafür, warum man so etwas vortäuschen und/oder inszenieren sollte. Da ich allerdings auch recht neugierig bin, frage ich mich natürlich, warum man so etwas tut. An diesen Gedanken möchte ich euch heute teilhaben lassen.

Warum tut man so etwas?
Wenn man mal alle psychischen Erkrankungen aussen vor lässt, bei denen eine Selbstinszenierung ins Krankheitsbild passt, so wird es mit passenden Erklärungen irgendwie ziemlich schwer zu fassen. Mein Gedanken führten mich dann ein wenig zurück zu den sozialen Netzwerken. Allerdings nicht als Auslöser des Ganzen, sondern weil es dort am Besten zu Sehen ist,  was ich vermute. Weil dort die Menschen sich ungehemmt anonym selbst inszenieren können, ohne große Auswirkungen auf das private und berufliche Leben fürchten zu müssen.

Da es scheinbar so war, dass man durch jeden neuen Modetrend ein wenig der eigenen Individualität verlor,  musste also etwas Neues her. Erst waren es Kleidungsstücke als Ausdruck von Anders sein. Später Statussymbole oder Ernährungsgewohnheiten. Die (Welt-)Reisen nicht zu vergessen. Immer stärker wurde der Wunsch etwas zu sein, was andere mit offenem Mund dastehen lassen konnte. Man selbst, als Person, rückte zunehmend in den Mittelpunkt.

Was aber, wenn diese Möglichkeiten nicht mehr reichten um sich selbst ins Rampenlicht zu hieven? Wenn jeder in der WG schon Veganer ist, die neusten Sneaker trägt und das Iphone X nicht mehr der Rede wert ist? Wenn blaue Haare nicht mal mehr den Arbeitgeber stören und Tattoos eh zur Szene der kreativ Tätigen gehören wie die Krawatte zum Nachrichtensprecher? Wenn keine Nischen für einen selbst mehr übrig bleiben?
Wenn man sich selbst als zu langweilig empfindet, um wahrgenommen zu werden?

Doch warum ausgerechnet Krankheiten?
Weil es neben der scheinbaren Krankheit noch mehrere Vorteile gibt, die mit so einer Aussage einhergehen. Sigmund Freud hat das damals mal Krankheitsgewinn genannt

Der sekundäre Krankheitsgewinn (äußerer Krankheitsgewinn) besteht in den äußeren Vorteilen, die der kranke Mensch aus bestehenden Symptomen ziehen kann, wie dem Zugewinn an Aufmerksamkeit und Beachtung durch seine Umwelt und/oder z. B. der Möglichkeit, im Bett bleiben zu können und dort Nahrung serviert zu bekommen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheitsgewinn

Krankheiten also als Möglichkeit, sich von anderen abzugrenzen?
Ich halte so etwas für völligen Blödsinn. Warum sollte man eine Krankheit vorgeben,  die man nicht hat? Eine dieser Antworten steht leider oben. Dennoch hat es für mich deutlich negativere Auswirkungen eine Krankheit vorzutäuschen, als sein Selbstbewusstsein zu hinterfragen und gegebenenfalls erstmal daran zu arbeiten. Zumal es neben dem moralischen Aspekt einen weiteren gibt und der ist ein immenser Vertrauensverlust.

Wie gesagt, ich habe so eine Situation auch schon am eigenen Leib erfahren und bin dadurch, was Krebserkrankungen angeht, spürbar abgestumpft. Sollte es nicht eine Person sein, der ich zu 100% vertraue, bin ich sofort dabei in der Geschichte Unregelmäßigkeiten zu suchen. Bin tatsächlich misstrauisch und erstmal zurückhaltend. Das war früher anders und so schadet nicht nur die Lügerei einem selbst, sondern auch den Personen die Belogen wurden. In mehrfacher Hinsicht.

Wie ihr seht, ich kann es vielleicht ein wenig Nachvollziehen. Doch verstehen kann ich es nicht.

Gehabt euch Wohl.
Gruß Jan.

 

PS: Hier gibts dann noch was zum Weiterlesen beim Thema Individualismus:

Warum schreit das Ich so laut?

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Schreibt hier seine Gedanken nieder.

Hält überflüssige Worte für eben genau das. Daher erscheint hier ein Beitrag nur dann, wenn Worte auch gesagt werden wollen.

2 Comments

  1. Das ist die große Frage, die ich mir auch schon häufiger gestellt habe.
    Ich glaube, dass diese Personen nicht weiter darüber nachdenken. Sie stehen dann im Mittelpunkt des Interesses. Auch nehme ich an, dass heute doch recht viele Leute ein Problem mit der Wahrheit haben. Es wird schnell gesagt und erst dann nachgedacht.
    Sie sind u.a. der Meinung: das Internet und die Mitmenschen verzeihen und vergessen schnell. Doch nichts da!
    So beschädigen sie den Ruf von wirklich Erkrankten und zeigen keinerlei Mitgefühl.
    Ich sage darauf hin nur: Pfui.
    Auch ich habe schon so eine Kaltschnäutzigkeit erlebt. „Huhu ich bin schwer krank – bedaure mich bitte (von sich erzählt) ………Was, du hast Krebs? Jeder muss irgendwann sterben (mich gemeint).“
    Genau das hat jemand in einer (1) Unterhaltung zu mir gesagt, als ich an Krebs erkrankt war. Seither trenne ich kategorisch die Spreu vom Weizen.
    Eine Lüge und Tschüß. Mitgefühl für ehrliche Mitmenschen jederzeit.
    Lieber Jan, bleibe wie du bist und lasse dich nicht ausnutzen.
    Ich wünsche euch eine schöne Vorweihnachtswoche.
    Martina

    • Moin Martina,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

      Ich höre nun auch wieder stärker auf mein Bauchgefühl, dass bisher eigentlich recht gut funktioniert hat. Gerade bei Erkrankten möchte ich mich auch nicht verschließen und Unrecht tun. Doch die anderen haben keinerlei Mittleid verdient. Gerade dann, wenn das sogar mit einkalkuliert wurde.

      Ich wünsche dir und deinen Verwandten eine schöne restliche Weihnachtszeit und kommt gut ins neue Jahr, sollten wir nicht vorher nochmal miteinander schreiben.
      Gruß Jan.

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