Deine Familie ist mindestens ebenso kaputt! – Ein Mutmachartikel

Es ist schon eine ganze Weile her, als ein kleines Häufchen Elend vor mir auf der Couch saß. Der Tag war irgendwie mal wieder so richtig daneben gewesen und die Gedanken schwer. Es wurde mit der Schule gehadert, mit den Schulfreundinnen sowieso. Irgendwann im Laufe des Gesprächs tauchte dann auch der Satz „Warum muss es immer nur bei mir so blöd laufen?!?“ auf. Gemeint war damit unter anderem auch die familiäre Situation. Das Kind war unzufrieden damit, dass sie bereits den einen oder anderen größeren Stolperstein im Leben hinter sich gelassen hatte und es bei anderen Kindern eben alles viel einfacher scheint. „…und außerdem haben die anderen es eh alle viel leichter!“

Kinder interessieren sich in dem Moment nicht für Statistiken. Das zum Beispiel 2016 alleine 84.200 Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Auch ein „Stimmt nicht.“ oder „Stell dich nicht so an“ hilft ihnen nur sehr wenig weiter.
In dem Moment leiden sie unter der Situation. Gleichzeitig auch unter der sehr subjektiven Sicht eines Kindes. Denn dieser subjektiven, auf sich selbst gerichteten, Sicht steht die geschönte Realität im Umfeld gegenüber. Gerne möchte man in dem Moment rufen: „Du bist nicht allein.“ Nicht weil man das Kind aufmuntern möchte, sondern weil es tatsächlich so ist.
Für mich fühlte es sich richtig an, ganz vorsichtig dem Kind zu zeigen, dass die Familienwelt um sie herum bei Weitem nicht so heile ist, wie es oft auf den ersten Blick scheint.

Vielleicht sieht man Kinder in der Schule, die nach dem Unterricht von den Eltern abgeholt werden.
Doch von beiden Elternteilen?
Es gibt in Deutschland 2,7 Millionen Alleinerziehende (2016). Oft gibt es gute Gründe, warum man sich dazu entschlossen hat ein Kind alleine aufzuziehen. Ein Elternteil, der präsent ist, fällt auf. Zumindest gegenüber einem Elternteil der nicht da ist. Das hat ganz einfach damit zu tun, dass eine fehlende Person keine Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Ebenso ist es bei Familien die auseinandergerissen wurden. Bei denen Eltern, Kinder oder Geschwister aus dem Leben gerissen wurden. Die Trauer die damit verbunden ist, findet selten Platz im Alltag. Dort sieht man nur das lächelnde Gesicht eines Kindes oder der selbstbeherrschten Erwachsenen.

Nicht nur fehlende Familienmitglieder sind ein Grund, warum es für Kinder so schwer scheint.
Zum Beispiel sind auch in Deutschland Kinder mit der Problematik Alkohol konfrontiert.

2,6 Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Familien mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil auf.
Damit ist jedes sechste Kind in Deutschland betroffen.

https://www.kenn-dein-limit.info/alkohol-in-zahlen.html

Oder häusliche Gewalt spielt in der Familie eine Rolle:

Demnach wurden 2016 insgesamt 133.080 Personen erfasst, die Opfer von Partnerschaftsgewalt wurden.
https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/haeusliche-gewalt/80642

Warum erzähle ich das alles? Warum diese Statistiken?
Weil jede Familie „ihre Leichen im Keller hat“. Bei dem Einen sind es vielleicht nur zwei getrennte Sorgeberechtigte die sich nicht mehr verstehen und dem Kind das Leben schwer machen. Bei einem Anderen vielleicht ein straffällig gewordenes Familienmitglied. Woanders wird ein alkoholkranker Vater totgeschwiegen oder ein psychisch Kranker aus dem familiären Gedächtnis verbannt.

Kann man solche Themen Kindern zumuten? JA.
Meine Tochter ist aktuell 11 Jahre alt. Auch durch ihre eigene Lebensgeschichte weiß sie, dass alles nicht immer nach Plan läuft. Das die vielbeschworene „heile Familie“ manchmal eben nur das ist. Vielbeschworen.
Doch eben nicht immer Realität. Es ist immer abzuwägen, wie und welche von den genannten Themen  man Kindern näher bringt.

Wenn allerdings ein Kind unter dem Gedanken leidet, dass es „nur bei ihm/ihr“ so schlecht läuft, dann darf man gerne damit konfrontieren, dass es bei anderen Kindern wahrscheinlich mindestens ebenso mies läuft. Nicht um zu sagen „Stell dich nicht so an, anderen gehts schlechter“ sondern um zu zeigen: „Du bist nicht alleine, bei anderen läuft es auch nicht immer nach Plan.“

Erst vor kurzem hatte ich ein Gespräch mitbekommen in dem es darum ging, wie man in anderen Kulturkreisen über Trennungen spricht. Nur dann, wenn man dannach gefragt wird. Ansonsten wird darüber geschwiegen. Möglicherweise ist das einem gesellschaftlichen Ansehen geschuldet, was nicht beschmutzt werden soll. Doch passt es auch sehr gut in unsere Kultur. Den Schein wahren. Der Eindruck, dass alles gut ist. Das man alles im Griff hat und alles nach Plan läuft. Auch bei uns Erwachsenen ist dies ein Eindruck der trügt.
Wir haben unser Leben ebenso wenig im Griff wie alle anderen auch. Wir sind oft nur zu feige es zuzugeben.

Daher soll dieser Artikel nicht nur ein kleiner Mutmachartikel für Kinder sein. Sondern auch für Erwachsene.
Denn manchmal stehen eben auch Erwachsene vor Stolpersteinen und denken sich „Verdammt, und wie komm ich aus der Scheiße wieder raus?“ Doch dann kannst du dich daran erinnern: „Du bist nicht allein.“

Gehabt euch Wohl,
Gruß Jan

Quelle, falls nicht anders angegeben: Statistisches Bundesamt, Jahresbericht 2016

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