Von einer Prinzessin zu Bettlerin

Sein Blick mustert dich eingehend.
„Verzeiht mir, aber so kann ich euch nicht mitnehmen. Ihr seid noch zu hübsch.“
Er dreht sich um und lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. Dann geht er zu einer Schublade unter dem Bett und zieht einen alten ausgewaschenen Umhang hervor, den er dir um die Schultern legt. Danach entfernt er dir vorsichtig dein Diadem aus den Haaren und legt es auf den Tisch und zerzaust deine Haare bis diese keine Ähnlichkeit mehr mit der vorherigen Frisur haben. Als letztes reicht er dir noch eine Schale mit Wasser. „Zum Abschminken“ wie er nur kurz erklärt.

Als du kurz danach in einen kleinen Spiegel blickst, erkennst du dich kaum noch wieder. So schlecht ausgesehen hast du das letzte mal als es dir wirklich schlecht gegangen ist und du fast eine Woche lang im Bett liegen bleiben musstest.

Du hörst rechts neben dir ein leises Geräusch. Er reibt seine Hände aneinander und fährt dir dann mit warmen Händen vorsichtig durchs Gesicht. Du bist zuerst ein wenig irritiert, doch ein kurzer Blick zurück in den Spiegel bestätigt deine Befürchtungen. Dein Gesicht ist nun noch bleicher geworden und dunkle Kohlespuren lassen dich überarbeitet und erschöpft wirken.

Musternd geht er um dich herum und nickt ein wenig. „Halte den Umhang geschlossen, sonst sieht man dein teures Kleid. Und nun komm.“

Außerhalb der Lichtkegel der Lampen bewegt ihr euch fast geräuschlos über die großen Rasenflächen im Schlossgarten. Ihr selbst habt keine Lampe dabei und verschwimmt fast komplett mit der Dunkelheit. Dein neuer Mantel schleift ein wenig über den Boden, da er ursprünglich von einem größeren Träger gekauft wurde.
Plötzlich wirst du an der Schulter berührt und so zum Stehen gebracht. Du hast weiterhin beide Arme um deinen Körper geschlungen um den Mantel geschlossen zu halten.

Ein größerer Ast wird neben dir ein Stück zur Seite gezogen und gibt einen kleinen Durchgang frei. Zügig wirst du in die entstehende Lücke geschoben. Du musst deutlich den Kopf einziehen, da der Durchgang nur sehr klein und schmal ist. Hinter dir weißt du deinen Fluchthelfer, der den Ast wieder zurück zieht um das Versteck zu verbergen. Von einem auf den anderen Augenblick erstarrt dieser zu Stein. Als er gerade das letzte Stück verbergen wollte steht auf einmal eine der Wachen mit einer Fackel vor euch.

Wortlos vergehen einige Augenblicke. Deine Augen spiegeln den Schein der Fackel wieder und dein Gesicht ist im Schein der Flammen nur zu erahnen. Das flehende Gesicht des Gärtners kannst du nur erahnen, denn wenn ihr nun erwischt werdet würde das für ihn nichts Gutes bedeuten. Weder für Leib, noch Seele.
Augenblicke die wie die Ewigkeit scheinen. Eine weitere Stimme reißt euch aus eurer Starre. „Omar, ist da was?“ Einen weiteren Atemzug noch verharrt die Wache bevor diese antwortet.
„Nein, nichts besonderes. Nur ein paar Ratten.“ Dann dreht er sich um und geht weiter seines Weges.

Ihr traut euch nicht zu atmen. Selbst als das Licht der Fackel längst hinter einer Biegung verschwunden ist. Sehr viel später vernehmen deine Ohren wieder das erste Wort. „Los, sie werden wiederkommen. Und soviel Glück werden wir nicht nochmal haben.“
Du wirst weiter in den Durchgang geschoben. Mehrmals bleibt dein Mantel an irgendwelchen kleinen Vorsprüngen hängen. Mehrfach streifst du mit deinem Gesicht Blätter und auch den einen oder anderen Ast. Zwischenzeitlich musst du sogar auf den Knien weiter kriechen.
Nach einiger Zeit dann erneut ein Strauch, der euch den Weg versperrt.

Ein paar Augenblicke später steht ihr wieder aufrecht. Diesmal allerdings auf einer staubigen Straße, die nur von Mondlicht erhellt wird. Zügigen Schrittes entfernt ihr euch von der meterhohen Hecke und geht in Richtung Stadt. Der Staub wird von euren Schritten leicht aufgewirbelt und kurze Zeit später hast du bereits den ersten Staub in deinen flachen Schuhen.

„Halte den Kopf geneigt und wenn du angesprochen wirst schweige. Falls jemand fragt: Du wirst meine Tochter sein.“
Doch zum Glück läuft euch in dieser Nacht niemand neugieriges über den Weg. Euer Weg führt euch in einen Teil der Stadt, welcher Denjenigen vorbehalten ist, die nur noch das Notwendigste zum Leben haben. Ihr streift durch einige Gassen und du hast schnell die Orientierung verloren. Als ihr an einer kleinen Eingang stehen bleibt reicht ein kurzer Blick durch das unverschlossene Fenster. Hier wohnt zur Zeit niemand.

Gekonnt öffnet deine Begleitung den Riegel und kurz danach befindet ihr euch bereits im Innenraum. Du gehst erstmal auf das alte Bett zu. Ein leises Quietschen erschreckt dich als du dich setzt.

Warme Augen blicken dich an, als du die Beine an dich heran ziehst und dich zusammenkauerst. „Versuche nun ein wenig zu schlafen, hier bist du erstmal sicher. Ich werde noch einmal fort gehen und etwas für morgen besorgen.“
Ein wenig verschüchtert ist dein Blick, doch seiner warmen sanften Stimme glaubst du. Dir ist unwohl, doch wird er schon wissen was er tut.

Langsam schließt du die Augen und die Müdigkeit übermannt dich.
Eine aufregende Nacht geht zu Ende.

Posted in Kurzgeschichten.

Schreibt hier immer mal wieder seine Gedanken nieder.

Da er überflüssige Worte für eben genau das hält, erscheint hier nur ein Beitrag wenn er der Meinung ist, dass diese Worte auch gesagt werden sollen.

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