Wovor flüchten die Deutschen? Und wohin? 

Bereits 2009 warnte das Handelsbatt vor einer Welle der Auswanderung. „Alle vier Minuten verlässt ein Deutscher sein Land. An jedem einzelnen Tag verliert Deutschland ein ganzes Dorf, womit die Zahl der Auswanderer Dimensionen erreicht, wie seit 120 Jahren nicht mehr. Zum Weihnachtsfest 2009 bieten deutsche Fluggesellschaften sogar einen Weihnachtsbaumtransport für Auswanderer an.

Auch 2014 hat sich das nicht geändert. Die Zahl der Fortzüge aus Deutschland steuerte im ersten Halbjahr 2014 auf ein neues Hoch hinaus. 427.000 Personen verließen in den sechs Monaten das Land. Fast ein Fünftel davon sind Deutsche.

Dabei hatte die große Flüchtlingswelle nach Europa noch nicht einmal eingesetzt. Also konnte sie auch noch kein Grund sein, Deutschland zu verlassen.

https://www.welt.de/politik/deutschland/article137642128/Adieu-Deutschland-Zahl-der-Fortzuege-auf-Rekordniveau.html

War es auch damals schon so wie Rote Steinlaus vermutete?

Wir wissen es nicht genau, doch Twitter wäre nicht Twitter, wenn man nicht fragen könnte.
Also haben ich mich, im Namen vom TwiMag, im März 2017 umgehört und zum Kurzinterview gebeten.

TwitterTalks & TruthTea: Vielen Dank für eure Teilnahme an dieser kleinen Interviewrunde. Kommen wir direkt zur ersten Frage:
Wo hin hat es euch verschlagen?

@genugda: Verschlagen trifft es einigermaßen. Nach Thailand.

@boxxbeidl: Irland. Erst Dublin, dann Cork.

@seileasdar: Mich hat es nach Schottland verschlagen, dorthin, wo ich schon Leute kannte, und gerne sein wollte.

@Onkel_Bens: Ich wohne jetzt seit rund 20 Jahren in einem kleinen Vorort von New York City, direkt am Hudson River. Von hier aus habe ich die schöne Aussicht auf die Skyline und habe trotzdem eine Vorstadtidylle.

@Persephone176: Ich lebe seit ein paar Jahren in der Schweiz, genauer gesagt in einem Dorf in der Region Freiamt (zwischen Zürich und Luzern).

@lifereport: In die Schweiz, Nähe Zürich.

Bereits diese kleine Auswahl an Statements zeigt ganz deutlich, dass es Deutsche in die Ferne zieht. Dies sogar weltweit. Doch warum wenden sie einem Land den Rücken zu und streben in ein anderes?

Ein Großteil  der Gründe sind von wirtschaftlichem und persönlichen Interesse geprägt. Allerdings haben sie alle etwas gemeinsam.
Sie wollten ihre Lage selbst verbessern. Zufrieden sein.
Dazu nun mehr:

Twittertalks & TruthtTea:
Welche Gründe haben euch dorthin gebracht?

@genugda: Deutschland, Hamburg. Ein Umzug stand an, 2010. Das war eine gute Gelegenheit, bevor wir uns etwas Neues suchen, eine Weltreise zu unternehmen. Und ab dafür! Zuerst ein Flug nach NY. In Detroit, gebrauchtes Auto gekauft und ab durch die Mitte. Irgendwann dann in San Francisco gelandet und Auto wieder verkauft. Nach L.A., Fidschi Inseln, Neuseeland, Singapur, Malaysia, Thailand und: ebendort, im Norden, hängen geblieben. Kurz zurück nach D den restlichen Hausstand aufgelöst und nun leben wir hier.

@boxxbeidl: In Deutschland habe ich meine damalige Arbeit verloren. Nach ein paar Monaten Arbeitslosigkeit dachte ich mir ich kann es ja mal im Ausland probieren, praktischerweise kann man sein Arbeitslosengeld für für bis zu drei Monate ins EU-Ausland übertragen. Nach zwei Wochen habe ich dann eine neue Stelle gehabt.

@seileasdar: Das war nach dem Referendariat (Lehrerausbildung) und ich hab keine Stelle in D bekommen, und da dacht ich, ich versuch mal mein Glück – und es hat geklappt, nach dem Kurzvertrag (1Jahr) dacht ich, da is noch mehr drin, und seitdem bin ich hier und hab in verschiedenen Jobs und Branchen gearbeitet.

@Onkel_Bens: Ich bin damals mit meinem Vater und meiner Schwester hierher gezogen und hier bei einer Art Adoptivfamilie geblieben um die Schule und das College zu absolvieren. Mein Vater und meine Schwester sind zurück nach Deutschland gegangen. Ich habe hier einen guten Job gefunden und mich Selbstständig gemacht.

@Persephone176: Der Grund für die Auswanderung war, dass ich mich in einen Mann verliebte, der in der Schweiz lebt (er ist auch Deutscher). Letztendlich war sein Beruf ausschlaggebend, denn der ist sicherer als meiner. Nach einer Weile Fernbeziehung zog ich zu ihm. Mittlerweile sind wir verheiratet.

@lifereport: Berufliches Leben. Ich habe das letzte, praktische Jahr des Medizinstudiums bereits zu 6 Monaten in der Schweiz gemacht und nach dem Abschluss meines Studiums dann entschieden gleich hier anzufangen und nicht in Deutschland arbeiten zu wollen. Das Miteinander in den Spitälern, mit den Kollegen, Vorgesetzten, der Teamgedanke, klare Strukturen und Ausbildungspläne – aber auch der nette Umgang im Alltag der Schweizer waren die wichtigsten Faktoren. Nein, nicht das Geld – denn da muss man bedenken, dass man auch hohe Lebenshaltungskosten hat – fürs Geld alleine lohnt sich das Auswandern in die Schweiz nicht.

Liebe, Arbeit, Zufriedenheit.
Offensichtlich lag es nicht nur an der politischen Situation in einem Land, das zum Auszug motiviert hat. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir in den letzten Jahrzenten in Deutschland eine stabile Sicherheitslage hatten. Sonst würde sicherlich noch der eine oder andere Grund zusätzlich hinzukommen.

Nun zum Abschluss des Kurzinterviews noch eine spannende Frage:

TwitterTalk & Truhtea: Plant ihr eine Rückkehr?

@genugda: Wie bis hier her wohl schon zu erkennen, planen ist nicht so mein Ding. Also leben wir hier solange, wie es uns gefällt oder bis andere Umstände (politisch, privat) uns wieder zurück oder woanders hin treiben.

@boxxbeidl: Nein, ausser ich müsste mich um die Eltern kümmern. Ansonsten sieht es wohl so aus dass wir unseren Ruhestand in Polen verbringen werden. Aber man weiß ja nie was kommt.

@seileasdar: Da Schottland auch vom Brexit betroffen ist, ist die Rückkehr an den Horizont gelangt, vielleicht komm ich wieder, aber nach 14 Jahren außerhalb Deutschlands kann die ‚Wiedereingliederung‘ schwer werden besonders die Wohnungssuche und das mit dem Versicherungs- und Rentensystem.
Ich muss einfach mal abwarten jetzt und mir das in Ruhe nochmal angucken. Wenns nicht um den Bürokratenkram ginge, wäre eine Rückkehr okay, ich hab noch viele Freunde – aber auch genauso hier. Werde also immer irgendwas vermissen und am falschen Ort sein, egal, wie ich mich entscheide.

@Onkel_Bens: Seit Januar bin ich US-Staatsbürger. Eine Rückkehr ist also nicht geplant. Ich halte aber ständigen Kontakt nach Deutschland und bin auch 3-4 mal im Jahr dort im Urlaub.

@Persephone176: Ja, wir möchten irgendwann zurück. Wahrscheinlich, wenn wir Rentner sind. Unser Traum ist ein kleines Häuschen an der Ostsee in Schleswig-Holstein.

@lifereport: Derzeit nein und ich habe es mind. bis zum Facharzt in 3 – 4 Jahren auch nicht vor.

Gerade bei der Frage nach der Rückkehr ins Heimatland sind die Antworten, wie erwartet, doch sehr unterschiedlich. Auch hier spielen wieder politische und/oder familiäre Gründe eine deutliche Rolle.

In Ländern, in denen eine gute Sicherheitslage herrscht ist der Wunsch nach einer Rückkehr ziemlich gering, doch sobald die politische Situation wie in Thailand oder Schottland undurchsichtig wird, kommt der Wunsch nach Sicherheit.

Dabei finde ich, dass es ein völlig nachvollziehbarer Grund ist in Sicherheit leben zu wollen. In gesellschaftlicher  und finanzieller Sicherheit. Gerade dies ist ja, in den meisten Fällen, offensichtlich auch ein Grund für einen Umzug gewesen. 

Ich bewundere Menschen die ihr Leben in die Hand nehmen und nicht meckernd im Sessel sitzen. Von denen haben wir nämlich zu viele.
Wenn einen die Situation stört, muss man was ändern. Dies haben die Interviewten gemacht.

Um nochmal auf den Titel zurückzukommen:
Nein, genau genommen sind sie nicht geflüchtet. Sie haben das gemacht, was hunderte Generationen vor ihnen gemacht haben. Sie haben ihr Glück in die eigene Hand genommen und haben sich verändert. Selten waren Generationen so flexibel in der Freizügigkeit und das Berufsleben erwartet dies mittlerweile auch.
Warum also im Geburtshaus sterben? Wenn es zwischen dem ersten und dem letzten Atemzug so viel zu erleben, zu sehen gibt? Sich so viele Möglichkeiten offenbaren?

Mein ganz herzliches Dankeschön geht an dieser Stelle an @genugda, @boxxbeidl, @seileasdar, @Onkel_Bens, @Persephone176 und an @lifereport.

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